Anhaltend (Ein Text über Trauer)

Es gibt diese bestimmte Art der Trauer. Eine Trauer, die irgendwie anhält. Wenn sie anhält und du im Taxi bist. Dann rüttelst du an dieser Tür, aber sie geht einfach nicht auf und niemand kann reingucken, weil die Scheiben verdunkelt sind. Trauer ist Liebe zulassen. Und die Taxitür zulassen. Anhalten. Rütteln. Ich will doch hier raus und dich umarmen… Trauer ist der alte Herr aus der Nachbarschaft, der immer am Fenster sitzt und sich über die lauten Bälger beschwert. Trauer ist hassen. Weil es in einem selbst liegt. Er hasst das Kinderlachen nur, weil er es selbst vermisst. Traurig ist, dass der junge Mann in der Bahn seine Kopfhörer rausholt, weil die Jungs hinter ihm über seinen ehemaligen Sportverein sprechen. Nicht, dass sie ihn erkennen würden. Er saß ja nur vor ein paar Jahren mal ein halbes Jahr auf der Ersatzbank. Traurig ist, alles zu geben und trotzdem zu scheitern. Wenn alles nicht genug ist. Du. Nicht genug bist. Traurig ist das Mädchen, das mit ihrem Hund Gassi geht und die Straßenseite wechselt, weil sie nicht an der Gruppe Jugendlicher vorbeigehen will. Sie muss nicht immer wieder daran erinnert werden, dass sie alleine ist. Traurig ist die Frau, die aufgelöst auf dem Boden rumkrabbelt, weil sie den Schwangerschaftstest verloren hat. War nach der Fehlgeburt doch der einzige Beweis dafür, dass dieses Kind wirklich existierte. Trauer ist dichtmachen. Ein paar Risse im Zelt flicken. Ein paar Schlupflöcher in seiner Höhle mit Kieselsteinen zurollen. Traurig sind keine müden Gesichter. Jene, die physisch erschöpft sind, sind doch oft die Glücklichen. Ihr Neugeborenes hielt sie auf Trab. Aber nicht jedes Gesicht mit schweren Lidern hat zu wenig geschlafen. Wirklich traurig sind all die anderen müden Gesichter. Trauer sind die ineinander verschränkten Hände des Obdachlosen. Nicht, weil ihm kalt ist. Sondern weil er sich vorstellt, seine Frau würde die eine Hand halten. Seine Frau, die vor zehn Jahren an Krebs starb. Bevor er auf der Straße gelandet war. Trauer sind Tränen, die nicht fließen, weil man Schmerzen hat. Sondern weil man alleine ist und Schmerzen hat. Trauer ist nicht, einen Song anmachen, der einen an was Negatives erinnert und eine Träne aus dem Augenwinkel zu tupfen. Traurig ist der vorbeihuschende Schatten dieser Gestalt in einer Seitenstraße, die Hals über Kopf aus der Bar flüchtete, weil auf einmal dieser eine Song gespielt wurde. Traurig ist, ein Paket ungeöffnet wieder zu bekommen. Wenn Geschenke nicht angenommen werden. Ist doch manchmal der einzige Weg, jemandem seine Liebe zu zeigen. Traurig ist, wenn Zuneigung nicht ankommt. Wenn. Du. nicht ankommst. Fahren Sie bitte weiter. Ich will endlich ankommen. Gegen die Scheibe donnern. Hinter der die Menschen schnellen Schrittes aneinander vorbei hechten. Zur Arbeit. Zum Zahnarzt. Ins Fitnessstudio. Zum Training. Zum Frauenarzt. Zum Supermarkt. In die Einzimmerwohnung. Zur Frau im Krankenhaus. Zum (Himmels)zelt, eine weitere Nacht, ohne Dach über dem Kopf. Traurig ist zu lieben und nur aus zusteigen, um das Loch zu begutachten, das Armors Pfeil in den Reifen geschossen hat. Wir halten an. Und du kannst sogar aussteigen. Umarme mich.
Dichtmachen.

tumblr_lts5gjgwrx1qddesco1_1280

Weiterfahren, weil Trauer anhält.

0 comments

  1. Wirklich ein wunderschöner Text. Er berührt jeden, weil jeder das Gefühl der Trauer kennt. Auf die eine oder andere Weise.
    Was ich dir noch sagen wollte ist das ich deinen Schreibstil wundervoll finde. Er erinnert ein wenig an die Neue Sachlichkeit 🙂 Ich wünschte ich könnte diese vielen unterschiedlichen Vergleiche finden mit denen du irgendwie immer den Nagel auf 🙂 Vielen Dank für diese wunderschönen Texte!

Kommentar verfassen