Liebe a priori

Ich bin müde, die Unabhängigkeit steckt mir noch in den Knochen. Ich möchte schlafen, aber die Freiheit ist da und schreit so laut wie jemand, der so laut schreien kann wie er will. Das ist nicht förderlich zum Einschlafen. JETZT SCHLAF EIN, DU KANNST SO VIEL SCHLAFEN WIE DU WILLST, jauchzt sie. Die Freiheit holt mich ein und die Vergangenheit kann auf sich warten lassen. Dann halte ich mir mit dem Kissen die Ohren zu, aber es bringt nichts, weil die Rufe aus meinem Inneren kommen. Mein Herz schreit vor Glück. Es ist so aufgeregt, es springt mir aus der Brust und hüpft als ein vierjähriges Mädchen auf meinem Bett herum.
DU KANNST, hüpf, JETZT ENDLICH, hüpf, SCHLAFEN!
Bitte sei ruhig. Ich will schlafen.
WILLST DU ETWA, DASS ICH GEHE?
Nein. 
Aber da ist sie schon zur Tür heraus gehüpft. Ich will ihr hinterherjagen, aber die Stille flüstert mich schneller in den Schlaf, als ich mich überhaupt erheben kann. Mein Herz ist frei und ich bin leer. Leer wie meine Gedanken, aber sie sind noch schwerer als meine Glieder, die sich wie Blei anfühlen.

Ich glaube, es gibt keine Freiheit für ein junges Herz. Es gibt Gefangenschaft und Leere. Unser Körper ist doch nur der Käfig von allem was uns ausmacht. Lassen wir es frei, so ist es fort, denn nichts auf dieser Welt ist so wenig Wert, als dass es verdient von jemandem sein Besitz genannt zu werden. Am wenigsten ein Herz. Sogar meins.

Ich war in meinem Leben so frei wie ein Mensch fähig ist zu sein. Ich hatte meinen Körper ans Limit seiner Ungezwungenheit gebracht. Meinen Geist ließ ich die KrV niederschreiben und meine Liebe war ein empiristischer Fundamentalist. Ich beschränkte Wissen auf meine Sinneseindrücke und mit einem Mal wollte ich lieben. Aber mein Herz ist fort und Gedanken ohne Inhalt sind leer. Ich warte auf eine Stimme aus meinem Innern, die mich wieder aufweckt, aber ich glaube das wird nicht passieren. Herzen neigen dazu, sich an andere zu binden. Es spricht vielleicht gerade mit dir, mich hat es längst vergessen.

Ich war ein wandelndes Gefängnis ohne Schloss. Genauso kalt, durchsichtig und hart, doch immerzu auf der Suche nach einem Herz, das nicht wieder geht. Ich hatte nie herausgefunden wie ich eines einsperren kann und zugleich nicht als meinen Besitz zu kennzeichnen. Dann kommst du daher und ich entdecke die Form des induktiven Schließens als eine Möglichkeit. Es geschieht sogar ganz von alleine. Ich habe ein freies Herz gefangen. Ich besitze es nicht, doch es gehört nur mir.
Ich bin so freigefangen verliebt, nichts auf der Welt wäre mir lieber als dein Besitz zu sein. Das zu verdienen ist eigentlich die schönste Strafe dafür, den Hochmut gehabt zu haben, Descartes irgendwann mal belächelt zu haben.

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