Is losing me even a loss?

Ich bin zu viel. Zu da. Trotzdem habe ich das Gefühl, nicht richtig existent zu sein. Unsichtbar fühle ich mich zwar nicht, aber ich fühle mich so wenig nach mir selbst, dass sogar eine Reizüberflutung nichts in mir weckt. Ich will immer so viel spüren, aber ich fühle nichts. Ich spüre das Leben, aber nicht den, der es lebt.

Ich lege mich mit dem Leben an, um lebendig zu sein, und äußere dadurch trotzdem nur den Wunsch danach, zu sterben. Wir beide, das Leben und ich, wissen, dass ich trotzdem bleibe, denn sonst würde ich mich ja mit dem Tod unterhalten, und so entsteht ein sehr zynischer Dialog zwischen mir und dem Leben. Das ist für Außenstehende oft verwirrend, denn in vielen Dingen steckt Leben. Zum Beispiel auch in meiner Schwiegermutter, die ich dann ohne mit der Wimper zu zucken beim Kochen scharf kritisiere. Wenn ich mir das genau überlege, dann ist das vermutlich mutiger und rebellischer als jede Mutprobe, die ich je in meiner Jugend machen musste. Und davon gab es so einige, denn besonders damals als Teenager, wo man ohnehin auf der Suche nach der eigenen Identität ist, habe ich Gefahren überall gesucht.

Dann gibt es Menschen, in denen so viel Leben steckt, dass ich sie anbrüllen will. Ihre pure Existenz provoziert mich, weil sie eben so offensichtlich leben, dass es mich fast tötet. Das sind die Menschen, die ich wohl am meisten vor den Kopf stoße. Ich glaube, dass ich mich in so viel Leben irgendwo finden könnte. Obwohl das genau das ist was ich immer wollte, beängstigt mich die Vorstellung plötzlich. Bevor ich mich finde und fühlen kann, müsste dieser laute, unsensible Mensch erstmal sterben, der über die Jahre in mir herangewachsen ist, und die Kraft dafür aus meinen ganzen Wünschen und Träumen geschöpft hat. Nur jene die wissen, wie tief Sehnsüchtige gehen und wie groß Träume sein können, wissen, wie unermesslich stark und lebendig diese tote Persönlichkeit jetzt ist, die seither in mir wütet.

12 comments

  1. jetzt weiß ich nicht, der mensch müsste sterben, der laute unsensible? der über jahre in dir gewachsen ist? und deute ich es richtig, dass dieser den sehnsüchtigen träumer getötet hat?
    wer wütet lebt, so tot kann diese Persönlichkeit nicht sein,
    in deiner Beschreibung ist so viel leben, dass ich nicht genau weiss, warum du das nicht erkennst,
    und es gibt viele wesen, und die, die so im leben stecken, sind manchmal einfacher oder sie schweigen über ihre dunklen stunden
    und unterhalte dich doch mit dem Tod, ich mache das, der ist garnicht so unfreundlich und hat viel Verständnis,
    vor allem weiß er eins, lebe das leben.

  2. Ich weiß; dass es sicher nicht das ist womit ein Schreiber hier rechnet…Dennoch möchte ich mich für dich bedanken. Dank dir darf ich so wundervolle Texte lesen und ich kann mich in so vielen auch wieder erkennen.
    Ich wollte dir Respekt gegenüber deiner wundervollen Art zollen und stolz drauf sein; dass ich deine Texte lesen kann/darf.
    Ich weiß, dass es nicht so hier rein passt; aber ich wollte dir schon immer mal sagen, dass ich dich und deine Schreibarbeit bewundere und du sicher ein wundervoller Mensch bist . Also : danke für die Kraft die du mir unbewusst schickst.
    -staubkind.

      1. Ich stimme da in den gleichen „Sound“ wie Staubkind.
        Deine Texte sind sehr berührend .
        Sie kommen irgendwie immer aus dem „Land Dazwischen“ – sind also nie besserwisserisch, festgelegt, erklärend oder klugscheißend .
        Ganz anders also, als es aktuell der Zeitgeist ist.

        Ich glaube, dass die Welt auf Texte wie Deine wartet 🙂

        Ganzliebe Grüße
        von der Traumwebenden

  3. Schwierig, das zu veratmen, wenn Du das Spüren, das Da-Sein, das Freuen durchdenkst und sich Dein Sein anfühlt wie ein Phantom. Es ist wie das Greifen nach einer Seifenblase, plötzlich bist Du weg. Vor allem im Kontakt mit Menschen, die zu Sprühen scheinen, aktiv, lebendig, energetisch aufgeladen, intensiv und zupackend … ist das fast unerträglich. Ich kenne diesen Zustand, er war mal fast immer da, jetzt ist er ein Besucher geworden, ein Zwischen-Raum. Einfach da. Wenn ich ihn leben lasse, ihm den Namen „Pause“ gebe, dann geht er wieder und ich kann auf das Spüren warten. Manchmal lange. Etwas für andere tun hilft. Und Sport: leider hilfreich. 😉 Hab keine Angst, das Leben kommt immer wieder zu Dir zurück. Lieben Gruß von der Blumentorte

  4. Krass, wie Du die Worte findest, die alles widerspiegeln, was ich auch in meinen grauenhaften Phasen durcheinander denke und eben nicht in Worte fassen kann. Weil ein Mixer durch mein Gehirn wütet. Deine Texte haben viel Philosophisches und das ist etwas, was ich auch merke – die Fragestellungen sind plötzlich ganz anders, wenn es mir so dreckig geht, auch wenn ich in guten Phasen wirklich alles andere, als ein oberflächlich Denkender bin. Don’t know you, but it seems to me, that losing you WOULD be a loss.

  5. Zur Überschrift: Es wäre ein Verlust für andere, dich zu verlieren; Dein Inneres zu verlieren schafft für dich selbst aber keinen Verlust, sondern Platz für neues oder andere, für das/die du leben kannst und in dir aufgehen lassen kannst.

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