Der Geschmack der Kindheit

Ich vergesse immer wieder, wie man das Wort Reggae schreibt. Ich schreibe es einfach nicht oft und selbst Wörter, die ich seltener schreibe und viel länger und komplizierter sind, kann ich mir besser merken. Ich hasse dieses Wort, ich google es jedes Mal bevor ich es schreibe. Viele messen bestimmten Lebensmitteln eine besondere Bedeutung bei, weil es sie an ihre Kindheit erinnert. Wenn mich Nahrung an meine Kindheit erinnert, dann rührt das ausschließlich von einer negativen Erfahrung her.

So habe ich beispielsweise noch nie meinen Keks ritusartig in ein Glas Milch getunkt und genüsslich verschlungen. Und ich habe das gleiche auch noch nie mit Zwieback getan. Als ich älter wurde und herausfand, dass die Eltern meiner Freunde das ständig für sie zubereiteten, besonders dann, wenn es den Kindern sehr schlecht ging, probierte ich es einfach mal selbst aus, als ich mich nicht gut fühlte. Ich kippte ein bisschen Milch auf einen Suppenteller, legte drei Zwiebacks rein und versuchte es anschließend zu essen und mich besser zufühlen, aber alles was ich schmeckte war kalte Milch.
In Zeichentrickserien trinken die Kinder vor dem Schlafengehen immer eine heiße Schokolade. Damals kam ich nicht auf den Gedanken, dass damit Kakao gemeint sein könnte, für mich war es heiße Schokolade und ich stellte es mir ganz vorzüglich vor, das trinken zu dürfen, wenn ich mal nicht schlafen konnte. Aber auch sowas gab es bei uns nicht. Ich bin mir bis heute nicht mal sicher, ob das in anderen Familien so üblich ist, oder ob das einfach ein Element ist, was man gerne in Kindergeschichten einbaut. Eben genauso wie der Mond in der phantastischen Kinderliteratur anthropomorph ist. Übrigens ist der Anthropomorphismus genau eins dieser Wörter, die mir auf Anhieb einfallen und mir überhaupt keine Schwierigkeiten beim Buchstabieren bereiten. Möglicherweise liegt das auch nur daran, dass ich irrationale Welten viel spannender finde, als… Reggae.
Als schlechte Erfahrung würde ich die Keksnummer nun nicht betiteln, aber als Enttäuschung schon. Wenn ich an die Wochenenden meiner Kindheit denke, dann fallen mir als erstes Kümmelbrötchen ein. Wenn es Brötchen gab, dann war immer ein Kümmelbrötchen für jemanden aus meiner Familie dabei. Und da alle Brötchen in einer Tüte transportiert wurden, schmeckte auch mein stinknormales Brötchen immer nach Kümmel. Ich hasse Kümmel. Wenn das Wort Reggae nach einem Lebensmittel schmecken würde, dann würde es nicht mal den Kümmelgeschmack verdienen, so sehr verabscheue ich es.

Eigentlich wollte ich einen dieser tiefsinnigen, ehrlichen Texte schreiben, die in etwa so anfangen: Hallo ihr Lieben, ich bin der Nika und ich wollte euch jetzt einfach mal ein bisschen was von mir erzählen… Und meistens so enden: Puh, jetzt habe ich ganz schön viel von mir erzählt, aber immerhin kennt ihr mich jetzt ein bisschen! 

Aber ich könnte abschließend ja nochmal erwähnen, wonach mein Name heute schmecken würde, wenn man ihn essen könnte. Nach einer frisch geschnittenen Gurke. Eine frisch geschnittene Gurke im Sommer riecht noch besser als frisch geschälte Mandarinen im Winter und mindestens genauso gut wie gemahlener Kaffee am morgen.

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