Tag Archives: Menschen

Manchmal begegne ich Menschen und denke mir Geschichten zu ihnen aus.

Ich habe heute einen älteren Mann gesehen, er müsste so um die 70 gewesen sein. Er saß auf der Bank an einer Bushaltestelle und hatte schneeweißes, kurzes Haar. Obwohl er sich scheinbar zurecht gemacht hatte, war seine Erscheinung sehr trist, sein Jacket camouflierte perfekt mit dem Braun der Bank. In einer Hand hielt er einen Blumenstrauß, in der anderen einen Taschenregenschirm, der aus einem edlen schwarzen Ledergewand herausguckte und einen festen Griff aus Edelstahl hatte. Als der Bus kam, hatte er Schwierigkeiten dabei aufzustehen, aber er sah irgendwie glücklich aus, fast aufgeregt. Die Blumen hielt er fest umklammert als er behäbig, aber eilig, zur Bustür schritt. Es waren nicht einfach Rosen. Es waren ganz viele bunte Blumen, kleine und große, die in lila Papier verpackt waren. Es war kein perfekter Blumenstrauß, eher einer mit Charakter. Als hätte er jede einzeln ausgesucht und ihr einen eigenen Platz zugeteilt und einen Namen gegeben.

Ich will nicht lügen, ich hatte ein nicht unbeträchtliches Interesse daran, wohin es den Herrn wohl verschlägt. Am liebsten hätte ich ein Gespräch mit ihm anfangen, nur um herauszufinden, für wen die Blumen sind.

Wounds

11363884_545376255637332_341410334_n.jpg

Es geht um Vorurteile und Genies hinter Supermarktkassen. Um Arschlöcher in Chefsesseln. Um Menschen und Kulissen. Um Schmerz, der wehtut. Und Schmerz, der Persönlichkeiten entstellt. Es geht um Wollen und Dürfen und darum, dass Modalverben nicht ins Perfekt gehen dürfen. Um Resonanz und die richtigen Antworten.
Problemviertel Stadtrand. Ein Mädchen. Zwei Jahre, acht Monate. Kita Prickelkinder. Rote Gruppe, Garderobentier Schnecke. Liegt leblos zwischen den Schneehosen. Vater ruft in seiner Landessprache sie ist tot, sie ist tot. Ihre Schwester, vier Jahre, blaue Gruppe, versteht es und brüllt wie am Spieß. Eine Erzieherin rennt heulend durch die Kita. Selin stirbt die Folgende Nacht im Krankenhaus. Und die Erzieherin wird wegen dem Gefühlsausbruch gefeuert. Arbeitet jetzt wieder im Club, weil es die beste Möglichkeit ist, um schnell an möglichst viel Geld zu kommen, dass sie für ihren Sohn Erik braucht.
Großstadt. Kita Schmetterling. Katharina sitzt in der Ecke und reißt sich die Haare raus. Ihr Gesicht zieren Kratzwunden, die sie sich selber zugefügt hat. Niemand beachtet sie bei ihren Anfällen. Es wird ja nur noch schlimmer, wenn man ihr zu Nahe tritt. Und so zieht es sich durch ihr ganzes Leben. Dieses Mädchen hat nichts davon, dass sie finanziell durch ihre Eltern abgesichert ist.
Jugendzentrum Kleinstadt. Schöne Gegend. Vier Jungs treten auf Jonas am Boden ein. Die Freundin versucht dazwischen zu gehen und wird daraufhin mit einer Glasflasche bedroht. Sie liegt im Koma, weil sie ihrem Freund helfen wollte. Sie wollte eigentlich nur ihren 18. Geburtstag feiern. Keine Sorge, sowas bleibt in diesem Viertel nie unbeantwortet. Die Schreie der Kinder in Kitas, Villen, Jugendherbergen aber schon.
Stadtzentrum. Mimi. Politische Aktivistin. 17 Jahre, Oberstufe eines Gymnasiums. Ganz nett, aber leistet zu viel Überzeugungsarbeit, um sie als entspannten Gesprächspartner wahrnehmen zu können. Machte sogar mit ihrem Freund schluss, weil er sich politisch nicht weiter entwickelte. Früher Mobbingopfer, heute nur angesehen in ihrem kleinen Kreis aus Freunden, die Freunde sind, weil man dieselbe Meinung hat. Mutter obdachlos. Zog mit 13 bei ihrem Vater aus, ein Radikaler. Vielleicht würde jemand verstehen, warum sie sich so dort reinkniet, wenn mal jemand nach den Beweggründen gefragt hätte.
Privatschule, zwei Mathegenies, aber nur einer darf das Stipendium haben. Jonas will es unbedingt. Fährt jeden Tag 1,5 Stunden zur Schule und zurück und hat noch keinen Tag gefehlt, obwohl chronische Rückenschmerzen dafür sorgen, dass er Nachts nicht schlafen kann. Die OP wäre Riskant und er will sie erst nach dem Abschluss durchziehen. völlig erschöpft sitzt er schließlich vor dem Eingangstest, der über seine Zukunft entscheidet, aber er kann sich einfach nicht konzentrieren. Letzte Nacht waren die Schmerzen besonders schlimm und ihn plagt das schlechte Gewissen, weil er zu wenig Zeit hat, um seine Freundin im Krankenhaus zu besuchen. Das Stipendium bekommt Thomas, der Dauerschwänzer, aber weil er bereits ein Kind hat, geht die Schule nachsichtig mit ihm um. Alle wissen, dass er sich sowieso nicht um sein Kind kümmert, aber jetzt zeigt er allen so richtig, dass er was erreichen kann. Macht es sich im Chefsessel bequem und stellt Bilder von seinem Sohn und seiner Ehefrau auf. Erzählt ihr was von Überstunden und verschwindet im nächsten Club, wo er ne halbe Stunde später einen Lapdance der gefeuerten Erzieherin genießt. Und während Selins Vater Mimis Mutter einen Kaffee spendiert, weil der Winter dieses Jahr besonders kalt ist, prügeln die Teenager auf ihr nächstes Opfer ein, diesmal ist es Mimi. Sie wissen selber nicht, warum sie das tun, in Wahrheit wollen sie einfach etwas sein. Der Held der Gruppe. Zur Not auch das schwarze Schaf der Familie, dann wird wenigstens mal ihm die Aufmerksamkeit geschenkt und nicht immer nur seiner kleinen Schwester Katharina.
Überall passieren Sachen, aber wo ist doch eigentlich egal. Menschen gibt es überall, der Rest ist Kulisse. In dem Moment, wo du dir ein Urteil bildest, sollte dir klar werden, dass du diesen Menschen nicht kennst. Dann erst recht nicht. Ich garantiere nicht, dass man jemanden lieber mag, wenn man ihn kennt. Vielleicht sogar weniger. Aber man sollte wissen, wofür man jemanden verachtet und sich lieber länger damit Zeit lassen, sich eine Meinung über jemanden zu bilden. Manchmal kennen wir doch nicht mal unseren besten Freund und es hat uns Jahre gekostet, um das zu erkennen.